Die Amphore des Gliwstafum

Es war einmal …
ein alter Mann namens Gliwstafum, der mit gebeugtem Rücken auf steiniger Straße geht und einen schweren Sack trägt.

Vor Jahren war er auf einer seiner Reisen einem anderen begegnet, Secgageseldan. Am Wegesrand saß er, dieser schmächtige, ausgemergelte Leib mit schütterem, weißem Haar und resignierenden Augen. Bittend, schweigend sah Secgageseldan ihn damals an, und sein Blick sagte: „Bis hierher bin ich also bloß gekommen, ich kann nicht weiter, der Sack ist zu schwer, meine Glieder zu schwach.“

Gliwstafum selbst, in seinem blauen Lodenmantel, war tatsächlich noch gar nicht so alt wie er im ersten Blick aussah.

Seine tieffaltige, wettergegerbte Haut ließ ihn das Aussehen einen Alten mit sich tragen, doch sein Haar war braun, seine Augen sprechend, sein Herz fröhlich. Er versteht Secgageseldan ohne Worte. Sie reichen sich die Hände in stillem Einvernehmen, dann geht Gliwstafum mit dieser übernommenen Last den altbekannten Weg weiter, den er nicht das erste Mal geht.

In dem Sack, so hieß es, sei Stroh. Doch war die Last unsäglich schwer, als würde das Stroh in Gold aufgewogen. Der Sack muss dorthin gebracht werden, wo diese Art von Säcken immer und immer wieder hingetragen werden, ins goldene Schloss jenseits des Bergmassivs, hinter dem wilden Wald, auf der Höhe des schreienden Adlers. So will es die Zeit.

Als er an die steile Felswand gelangt, muss er sich daran machen, sie zu übersteigen, denn es führt kein Weg daran vorbei. Mühsam muss sie mit freien Händen, einem wackeren Herzen und guten Mutes erstiegen werden. Doch Gliwstafum hat beide Hände an seiner kostbaren Last und schreitet in gebückter Haltung voran, als würde der steinige Pfad geradenwegs weiterführen, bis er an einen Felsvorsprung gelangt.

Weithin ist nun die Sicht, frei über ein weites, dunkles Tal, auf dessen anderer Seite sich hoch auf einem Berg das goldene Schloss befindet.

Kein Weg führt hinab, eine tiefe Schlucht liegt vor ihm. Zu seiner rechten entspringt aus einer Felsnase eine Quelle lebendigen Wassers, die über Klippen und Felsen hinab fällt. Was kann er nun tun?

Er überlegt, ob er eine Treppe bauen könne.

Plötzlich ist um ihn herum ein seltsames Licht- und Farbenspiel, das ihn in schwingend-wogender Strömung umgibt.

Dieses verbindet sich augenblicklich mit dem Wasser der Springquelle.

Hurtig legt er den Sack auf die Wasser-Licht-Rutsche, setzt sich darauf und gleitet sanft hinab. Etwa auf halber Höhe endet die Fahrt.

Zu seiner rechten führt in weitem Schwung ein festes Seil über das Tal hinüber zum Berg mit dem goldenen Schloss.

Er könnte sich hinüberhangeln. Dann müsste er aber den Sack zurücklassen.

Oder er könnte den Sack festbinden, sich hineinsetzen und damit hinüberrutschen. Doch dann müsste er den Inhalt des Sackes zurücklassen.

Gliwstafum öffnet den Sack und schaut hinein. Zunächst sieht er tatsächlich nur Stroh. Als er es herausholt stellt er fest, dass es nur schützend um einen Gegenstand herumgewickelt ist.

Gliwstafum wickelt das schwere Etwas aus, bis es ganz vom Stroh befreit ist. Eine wundervolle Amphora kommt zum Vorschein, mit einem sorgsam verschlossenen Deckel.

Als er ihn öffnet, sieht er, was seine Last so schwer hat werden lassen. Es ist fein zerriebener Goldstaub, der zum Vorschein kommt. Seelenlaufunkelnder Lebens-Glücks-Goldstaub

Nein, diesen Inhalt kann er auf gar keinen Fall zurücklassen.

Er könnte aber auch hinüber balancieren. Dies wäre sehr gefährlich, tief unten liegt das Tal des wilden Waldes.

Liebend gerne würde er diese einladende Abkürzung statt des langen und beschwerlichen Weges nehmen. Doch ein weiterer Blick auf die Amphora macht ihm seine Entscheidung leichter.

Er macht sich auf zum weiteren Abstieg, der nun in der unteren Hälfte sehr viel leichter zu bewältigen ist, da er seinen weiten Mantel zurücklässt, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben.

Traurigkeit erfüllt ihn kurzzeitig, weil er nicht mutig genug war, um über das Seil zu gehen. Wie gerne wäre er doch ein mutiger Mensch.

Der Abstieg führt ihn unvermittelt in einen undurchdringlichen, schwülen Dschungel. Ein weites Urwaldgebiet erstreckt sich vor ihm mit Bäumen, die so hoch sind, wie er sie noch nie vorher gesehen hatte, obwohl er diesen Weg schon gegangen war in alter Zeit.

In dem dichten Gestrüpp kann er weder sehen, woher er kam, noch wohin er gehen musste.
In der dampfenden Urwaldluft flirren Gliwstafums Gedanken, und allerhand Gefahren lauern rundum. Er weiß um die Schlangen, deren Biss tödlich ist, deren Gift den Leib unbeweglich macht und erst allmählich die Sinne raubt, doch er weiß ihnen aus dem Weg zu gehen.

Der Bach zeigt ihm den Weg, bis er an eine kleine Lichtung kommt. Dort wendet sich der Bach gegen Westen, er aber muss weiterhin seinen Weg gerade durch den Dschungel finden.

Bis nahe dem Aufstieg finden seine Beine wie von selbst den Weg, während Gliwstafum seinen Gedanken freien Lauf lässt. Als er schon beinahe den Fuß des Berges mit dem goldenen Schloss erreicht hat, überkommen ihn heftige Zweifel.

War es richtig gewesen, Secgageseldan allein am Wegrand zurück zu lassen? Vielleicht hätte er ihn mitnehmen sollen? Er hätte ihn tragen sollen! Nein, das ist unwirklich, das wäre unmöglich gegangen, denkt Gliwstafum. Doch! … es gibt immer einen Weg, dies ist ein Satz, den er schon seit seiner Kindheit kennt.

Und wenn es noch so aussichtslos erscheint, Secgageseldan wieder zu finden, er musste sich auf den Weg machen und ihn suchen. Er musste ihn mitnehmen, er kann nicht ohne Secgageseldan ankommen, sagte ihm sein Herz.

Gliwstafum wusste, dass er den Sack auch ohne Secgageseldan abgeben dürfe, er würde angenommen werden wie jeder andere Sack auch. Aber eine tiefe Gewissheit hieß ihn trotzdem umkehren.

Gliwstafum gräbt nun den Sack dicht an einem ungewöhnlich roten Felsen neben dem verwitterten Stamm eines Urwaldriesen ein und geht den Weg, den er gehen muss.

Nach einigen Schritten schaut er noch einmal zurück, um sich den Anblick der gewählten Stelle tief ins Bewusstsein einzuprägen.

Nun ist er sich seiner Entscheidung sicher, er wendet seine Schritte sicheren Mutes gen Süden.
… … …

Aber was ist DAS!!!???

Oben am Felsplateau trifft er plötzlich auf Secgageseldan, der sich – seiner schweren Last entledigt – bis hierhin durchgekämpft hatte.

Nun waren sie zu zweit. So können sie sich gegenseitig stützen und zur Hand gehen, so dass ihnen gemeinsam der Abstieg wenig Mühe macht.

Als würde das gemeinsam Gehen die Unbilden des Weges zur Seite räumen, erreichen sie in weniger als der halben Zeit den roten Felsen, finden den verwitterten Urwaldriesen und an derselben Stelle den vergrabenen Sack, den Gliwstafum nun wiederum schultert.

Als trage nun einer die Last des anderen kommen sie wie von Flügeln getragen vor den Toren des goldenen Schlosses auf der Höhe des schreienden Adlers an.

Und nun machen die beiden eine ergreifende Erfahrung:

Natürlich wird dort jeder der Amphorensäcke angenommen.

Doch Gliwstafum hätte nur den Sack abgeben dürfen, da er aber nicht ihm gehörte, wäre ihm damit dennoch ohne Secgageseldan der Eintritt verwehrt geblieben.

Secgageseldan aber wäre das Tor verschlossen geblieben, weil er mit leeren Händen gekommen wäre.

Nun aber waren sie zusammen eingetroffen. Gliwstafum, der den Sack getragen und den Eigentümer der Amphora gestützt und geführt hatte. Secgageseldan, dem die Amphore gehört und nun den Träger der Last begleitet.

Nur deswegen also dürfen sie beide eintreten, sich ihrer Last und Mühen entledigen und in den großen See eintauchen, der sich hinter dem goldenen Schloss befindet.

Jungbrunnen wird er genannt.

Dort dürfen sie eine Weile bleiben und Kraft schöpfen, bis sie sich wieder auf den Weg machen.

© Ursula von Liebenstein

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